Ich bin nicht per se gegen den Einsatz von KI bzw. LLMs. Ja, sie verbrauchen extrem viele und wertvolle Ressourcen (Strom, Wasser, Computerteile) und haben den Hardwaremarkt aus meiner Sicht für mindestens ein halbes, wenn nicht sogar ein ganzes Jahrzehnt zerstört. Aber richtig eingesetzt, kann diese neue Technologie wirklich sinnvoll sein und uns auch als Menschheit wirklich weiterbringen. Und besser als der ganze Kryptoscheißdreck ist es allemal.
Leider ist das mit dem “Menschheit voranbringen” mal wieder ziemliche Theorie. In der Realität verschwenden wir den größten Teil der Rechenzeit damit Schwachsinn zu produzieren und Leuten das letzte Geld aus der Tasche zu ziehen. Oder um es konkreter zu machen: Wir nutzen kollektiv wertvolle Ressourcen, um irgendwelche Cartoonbilder von den eigenen Haustieren zu generieren, seitenlange Meetingprotokolle auszugeben oder KI als glorifizierte Suchmaschine zu benutzen. Und dann wird damit noch Lug und Betrug im großen Stil betrieben, weil entweder das schnelle Geld gewittert wird. Oder es wird aktiv daran gearbeitet die Menschheit zum einen weiter zu spalten und zum anderen noch dümmer zu machen, als es die kleinen Rechtecke seit der Einführung des iPhones (2007) sowieso schon tun.
“Kann das nicht die KI?”
Von den Firmenchefs und ihren Untergebenen wird dieser Blödsinn auch noch bis ins unendliche gepusht, als wäre es der heilige Gral, der die Gewinne noch höher steigen und die eigenen Personalkosten noch tiefer sinken lässt. Dass das in der Realität nicht immer sinnvoll ist und sowieso wieder nur ein paar Handvoll Billionäre und machtgierige Staatschefs von dem ganzen Mist tatsächlich profitieren? Juckt offensichtlich keinen. Hauptsache wir benutzen immer und überall “KI” und zerstören gefühlt mit jedem Prompt ein bisschen mehr die Gesellschaft.
Das Ergebnis ist, dass sich jetzt scheinbar jeder für den absoluten Entwickler/Autor/Grafiker vor dem Herrn hält. Auf der Arbeit entstehen so die Nachfolger der “Excel-Tools”, die halt jetzt mit Claude gebaut werden – immerhin klar erkennbar am immergleichen Standarddesign. Also die Makros, die früher der Excel-Crack sich privat geschrieben hat und sich dann an der IT vorbei (=kein Testing, kein Support) im Lauffeuer im Unternehmen verbreiteten. Und privat sieht man zum Beispiel auf Amazon die ganzen KI-geschriebenen Schundwerke zum Selbstdruck.
Ja, ich finde nicht nur als Schreiberling diese ganze Entwicklung zum Haareraufen und die fehlende Selbstreflexion bei allen Beteiligten einfach nur noch traurig.
Ein Teil des Problems
Wie schaut’s also in der Casa Lysanda aus? Sind wir die obersten Moralapostel, die sich mit hocherhobenem Finger jeglicher KI/LLM-Nutzung verweigern? Quark. Zum einen werden wir auf der Arbeit wirklich intensiv dazu “motiviert” Sachen wie Microsoft Copilot oder Claude zu benutzen. Zum anderen haben wir durchaus auch privat die Möglichkeiten zu schätzen gelernt, die sich uns dadurch bieten.
Konkret nutze ich beispielsweise schon seit über einem Jahr die freie Version von ChatGPT als Sparringpartner für meine Einträge. Mit dem vom 02.06.2025 müsste es angefangen haben. STOP! Bevor ihr jetzt wütend in die Kommentare springt und mir mitteilt, dass ihr ab sofort einen großen Bogen um Beim Christoph machen werdet: Keine einzige KI-geschriebene Zeile hat oder wird jemals ihren Weg in meine Texte finden! Ja, ich übernehme gelegentlich eine Idee oder einen Hinweis. Aber jeder Satz, den ihr hier lest, wird von mir selbst geschrieben, formuliert und mit durchschnittlich 500-550 Anschlägen (~80-90 Wörter) pro Minute auf meiner Logitech MX Keys S* in Microsoft Word auf ein weißes Blatt getippt. Nein, ich glaube ein Live-Stream davon würde keinen interessieren
.
Aber sobald ich alles runtergeschrieben habe, gebe ich den Text mittlerweile an “Chatty”. Er übernimmt quasi die Rolle meines Lektors. Er weist mich auf Rechtschreib-/Grammatikfehler hin, macht (mehr oder weniger sinnvolle) Verbesserungsvorschläge und hilft mir hier und da meinen eigentlichen Gedanken besser herauszuarbeiten. Ich bin ja durchaus bekannt dafür gerne zu labern
. Ich frage ihn zudem hin und wieder, wie ein Text auf eine bestimmte Zielgruppe wirkt oder ob aus seiner Sicht noch ein Gesichtspunkt fehlt, den ich vielleicht vergessen habe. Das nehme ich dann als Anlass nochmal mein Gehirn anzustrengen und manuell am Eintrag zu schrauben – mit Erfolg würde ich sagen. Zumindest hat sich aus meiner Sicht die textuelle und sicherlich auch die inhaltliche Qualität der Einträge seitdem verbessert.
Besser werden
Mit Chatty habe ich angefangen zu reden, weil ich mir bewusst war, dass meine Schreibe sich in den letzten Jahren irgendwie auf einem gewissen Niveau eingependelt hatte. Dabei gibt es damals wie heute definitiv noch Luft nach oben. Der ultimative Schreiberling vor dem Herrn war und werde ich nie werden. Aber Chatty hat bzw. hilft mir da tatsächlich. Anfangs war er beispielsweise noch nicht so gut auf Beim Christoph kalibriert und hat mit wirklich streng journalistischen Augen die Einträge gelesen. Das war auf gewisse Art tatsächlich hilfreich, um ein paar grundlegende Sachen herauszuarbeiten, die ich gerne mache. Beispielsweise mein Drang euch wirklich auch die letzte Information mitzugeben, statt einfach mal fünfe grade sein zu lassen. Oder Sachen mehrfach auszubreiten, weil ich unterbewusst glaube, jeden Gedanken vollständig erklären zu müssen. Das ist aber weder guter Stil, noch erhöht es die Lesbarkeit der Texte.
Chatty ist dann zwar mitunter über das Ziel hinausgeschossen, weil sein Credo damals gefühlt “kurz und knackig” war. Aber wie gesagt: Am Ende des Tages bin immer noch ich derjenige, der in die Tasten haut. Er macht nur Vorschläge. Und seitdem ich ihm viele, viele Einträge aus dem Archiv mitgegeben habe – die Seite selbst lesen kann er nicht -, versteht er auch besser, wie eigentlich “ich” klinge. Also, dass die eine oder andere Abschweifung einfach dazugehört und das sowas meine Stimme ausmacht. Denn seien wir mal ehrlich: Ihr lest meine Einträge bestimmt nicht wegen der journalistischen Qualität
.
Der Franzose
Komplett KI-Frei ist Beim Christoph aber tatsächlich nicht mehr. Im Quellcode der Seite versteckt sich mittlerweile die ein oder andere Zeile, die Claude für mich geschrieben hat. Theoretisch alles nichts, was ich nicht selbst hinbekommen hätte. Aber ich kann nicht leugnen, dass es den Prozess trotz Wartezeit auf weitere, freie Kontingente, erheblich beschleunigt hat.
Angefangen hat es mit dem Wunsch das WordPress-Theme mal wieder auf den aktuellen Stand zu bringen. Rondrer hatte es 2013 exklusiv im Rahmen der Umstellung für mich geschrieben. Aber seitdem hat sich die Welt logischerweise etwas weitergedreht. So war ich es schon länger leid Änderungen z.B. an den Menüeinträgen direkt im Code machen zu müssen statt das in WordPress integrierte Frontend nutzen zu können. Außerdem hat sich auch an den Best Practices im letzten Jahrzehnt einiges geändert. Ein paar Sachen hatte ich in der Vergangenheit mitgezogen, beispielsweise als der ganze DSGVO-Kram losging, aber die ein oder andere Lücke blieb bestehen. So habe ich die ganze Thematik mit der Content Security Policy nie wirklich richtig auf die Reihe bekommen. Rondrer wollte ich damit aber nie nerven. Der ist schon genug mit seinem eigenen Leben beschäftigt.
Also habe ich jetzt das Ganze mal Claude gegeben und er hat mir (sehr erfolgreich) geholfen Beim Christoph auf den neuesten Stand zu bringen. Und zwar nicht nur im Backend, sondern auch im Frontend. So werden z.B. die Bilder jetzt als schlanke *.webp statt *.jpg ausgeliefert und die Seite nutzt nun einen Cache, damit sie schneller lädt. Außerdem hat sich die Barrierefreiheit der Seite verbessert. Das merkt ihr abseits der jetzt unterstrichenen Links vermutlich gar nicht. Aber wenn ihr einen Screenreader benutzt, sollte es jetzt fast keine Stolpersteine mehr geben.
Und das finde ich halt wirklich cool. Ich hätte niemals Geld in die Hand genommen und einen professionellen Entwickler drüber schauen lassen. Gleichzeitig musste ich dafür aber weder meine Zeit noch die von anderen “verschwenden”. Außerdem finde ich bei Claude wirklich gut, dass er ziemlich transparent ist. Ich konnte alles nachvollziehen, was er gemacht hat und verstehe es auch aufgrund meiner Vorkenntnisse. Das ist nämlich so ein Punkt bei der Nutzung von KI/LLMs, der mir extrem wichtig ist. Die ganzen Vibe Coder, die sich einfach irgendwas generieren lassen und dann keine Ahnung haben, was wie und warum funktioniert, waren schon eine Plage als wir sie noch Skriptkiddies nannten.
Ein spezieller Einsatzfall
Letzte Woche habe ich Claude allerdings ein Python-Skript schreiben lassen, wo auch ich nicht mehr vollumfänglich nachvollziehen kann, was da im Code passiert. Schlicht und einfach, weil ich im Gegensatz zu PHP, CSS & Co. Python (bislang) nicht gelernt habe. Meine Ausrede? Er hat etwas für mich gebaut, was nur mir und mir allein einen Nutzen auf meinem lokalen Rechner bringt. Es ist also kein Code, der an die Öffentlichkeit geht oder mit der Öffentlichkeit in Verbindung tritt und schon gar kein Skript, das ich irgendjemanden verkaufe.
Und zwar hat Claude mir geholfen ein Luxusproblem zu lösen. In meinem E-Mailpostfach hatten sich nämlich mittlerweile über 350 E-Mails angesammelt. Die meisten davon stammten von Steam und informierten mich darüber, dass ich erfolgreich einen Key auf meinem Account aktiviert habe. Die Veteranen unter euch wissen, dass ich eine Excel-Tabelle meiner kompletten Spielesammlung pflege. Übrigens umfasst diese zum Verfassungszeitpunkt 19.685 Zeilen – im damaligen Eintrag waren es noch etwas mehr als 11.000! Hatte ich schon erwähnt, dass ich einen gewaltig an der Waffel habe? Mehrfach? Okay, wollte nur sichergehen.
Allerdings ist die Pflege dieser Liste durchaus anstrengend, wenn man so häufig bei Bundles zuschlägt, wie ich. Sie ist nämlich nicht komplett alphabetisch. Serien sind beispielsweise nach Veröffentlichungsdatum der einzelnen Teile sortiert. Sprich ich kann nicht einfach meine neusten Bundle-Einkäufe unten hinschreiben und dann neu filtern. Nein, ich muss manuell die richtige Zeile suchen und dann dort den neuen Titel eintragen. Und weil ich da in den letzten Wochen irgendwie echt keinen Bock dazu hatte, stapelten sich die E-Mails in meinem Postfach.
Die Lösung
Um der Sache Herr zu werden, habe ich mich also an Claude gewandt. Und zwar sollte er mir ein kleines Skript bauen, das Spiele nach meinen Vorgaben in der Liste ergänzt. Das hat er auch erfolgreich getan. Schon die erste Version hat richtig gut funktioniert, obwohl ich noch vergleichsweise viel manuellem Aufwand hatte (=ihm quasi jeden Spalteninhalt einzeln vorgeben). Dabei hat er sogar selbstständig vieles beachtet. Beispielsweise hatte ich ihn nicht explizit gebeten mir auszugeben, in welcher Zeile er das Spiel ergänzt hat. Oder wenn er mögliche Abhängigkeiten zu einer Serie erkannt hat, mir das anzuzeigen, damit ich es manuell prüfen kann. Das hat er tatsächlich alles von sich aus umgesetzt.
Jetzt mit der Version 4 kann ich nicht nur einen Batchlauf machen, dem Skript also eine zweite Excel-Tabelle mit den Infos geben, die es dann komplett einarbeitet. Auch die Einzelerfassung ist automatisierter und lässt mich nun mehrere Titel hintereinander mit den gleichen Attributen eintragen. Eine, für mich, richtig geile Sache. Die ganzen E-Mails konnte ich dadurch innerhalb von nicht einmal zwei Tagen abarbeiten. Hätte ich es auf die alte Art und Weise gemacht, wäre ich vermutlich immer noch nicht fertig. Und zwar nicht nur wegen der akuten Motivationslosigkeit angesichts dieser Menge.
Die Moral
Auf die Gefahr mich zu wiederholen: Das ist schon irgendwie geil, dass sowas heutzutage geht. Das lässt sich nicht leugnen und ist an sich okay für mich. KIs/LLMs sind schlicht Werkzeuge, die man benutzen darf. Genauso wie es in einem Spiel von From Software nicht verboten ist Beschwörungen zu verwenden um Bosse zu besiegen auch, wenn das dem ein oder anderen eingebildeten Gatekeeper nicht passt. Entscheidend ist am Ende immer nur, WIE man sie benutzt und selbstverständlich, WOHER die Daten dafür kommen. Mir ist nämlich durchaus bewusst, dass OpenAI jetzt meine Texte als Trainingsdaten für andere benutzt, die vielleicht weniger Respekt vor dem kreativen Prozess haben als ich.
Und genau da ist für mich dann auch das Limit erreicht. Künstler, Autoren, ja selbst Programmierer haben in der heutigen Zeit weiterhin ihren Platz und ihre Notwendigkeit. Keine KI, kein LLM kann das vollständig ersetzen, was sie leisten. Nur leider glauben die meisten Leute was anderes. Nicht nur, aber vor allem, weil sie es eingeredet bekommen. Und das ist scheiße, um es deutlich auszudrücken. Es kostet Arbeitsplätze, mindert den Wert des eigenen Könnens in den Augen anderer (“Kann ich mit KI viel besser!”) und macht uns so kollektiv immer weiter kaputt. Qualitätsjournalismus ist beispielsweise schon seit Jahrzehnten auf dem absteigenden Ast. Dabei wäre er in einer Welt, in der wir faktisch nur noch von Lügen umgeben sind, umso wichtiger. Aber wenn niemand das zu schätzen weiß, dann landen wir da, wo wir jetzt schon sind und schlittern freudestrahlend mit unseren sechs Fingern an der Hand weiter dem Abgrund entgegen.
Aber jetzt entschuldigt mich. Ich will mit Chatty ein Brainstorming für den nächsten Eintrag machen. Beim Stöbern im Archiv bin ich nämlich auf meine alte PC-Spiele Top 10 von 2007 gestoßen.












